Leseprobe: Frau, Hund, Gespann
Zwischen Angst und Freiheit im Iran
Prolog und der Anfang von Kapitel 1
»Und, wie war’s im Iran?«
Die wohl natürlichste Frage der Welt, habe ich doch drei Monate dort verbracht.
Und doch ist sie so schwer zu beantworten. Denn was soll ich sagen, wenn das Land für mich gleichzeitig Himmel und Hölle war? Wenn es all meine Erwartungen übertroffen hat und zugleich meine schlimmsten Ängste Wirklichkeit werden ließ? Wenn ich dort Momente reiner Freude und tiefster Verzweiflung erlebt habe?
Es steckt alles in diesem Buch. Ich hoffe, du findest eine Antwort – oder mehrere.
Übergänge — انتقالها[enteghal-ha]
Wie immer tauche ich langsam aus dem Schlaf auf. Wie immer drehe ich mich auf die Seite, die Augen noch geschlossen. Wie immer ist mein Gehirn noch langsamer als mein Körper – diese Dinge brauchen Zeit. Als es endlich funktioniert, erinnere ich mich: Heute ist der Tag, an dem wir in den Iran einreisen werden!
Als ich schließlich die Augen öffne, muss ich lächeln: Polly schläft noch lieber aus als ich. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem meine vierjährige Mischlingshündin vor mir wach war. Langsam strecke ich die Hand aus, um sie zu streicheln. Sie streckt sich – und döst wieder ein. Das ist mein Hund!
Im trüben Licht versuche ich, meine Umgebung zu erkennen: Abgenutzte Teppiche bedecken den Betonboden, ein Stapel muffiger Matratzen und ein Haufen Decken warten auf jeden, der sie braucht. Das Glas des kleinen Fensters ist längst verschwunden. Eine Wellblechplatte deckt das Loch ab und hält gleichzeitig Regen und Tageslicht fern. Und sonst? Nichts und niemand, nur unsere Reise- und Campingausrüstung sowie zwei Packtaschen. Molly, mein Motorradgespann, wartet hinter dem verlassenen Haus auf uns.
Es war spät am Abend, als wir gestern hier angekommen sind, und das Ende des Tages war auch das Ende des ersten großen Abschnitts dieser Reise. Wir sind in Deutschland gestartet, zügig durch Osteuropa bis nach Rumänien gefahren, dann die bulgarische Schwarzmeerküste entlang nach Süden und von West nach Ost durch die Türkei. Europa zu verlassen und über den Bosporus den asiatischen Kontinent zu erreichen – das fühlte sich an wie der eigentliche Beginn des Abenteuers, wie das Eintreten in eine fremde Welt.
Im Iran werden wir sicher wieder eine ganz andere Atmosphäre spüren. Ich weiß noch nicht, wie lange wir dort bleiben werden; ich will weiter nach Osten – durch Afghanistan, durch Pakistan ins Pamir-Gebirge.
So langsam sollten wir los; um zehn treffen wir Erfan am Grenzübergang. Ich hab den jungen Iraner auf Instagram entdeckt – als »Fixer« lotst er Reisende durch den Bürokratiedschungel an der iranischen Grenze.
Kaum bin ich aufgestanden, ist das Fellknäuel auf allen vieren, schaut mich mit wedelndem Schwanz an. Sie will die Gegend erkunden; wir sind gestern Abend direkt schlafen gegangen. Ich öffne die quietschende Zimmertür, lausche auf Geräusche, höre nichts und nicke Polly zu. Voller Aufregung (woher nur nimmt sie die Energie, ohne Kaffee zu trinken?) springt sie aus dem glaslosen Fenster, durch das ich mich gestern Abend mühsam ins Haus gezwängt habe. Um das Haus herum sind sanfte Hügel und Felder; Madame wird Hasen jagen und zum Frühstück zurückkommen.
Es wärmt mir das Herz, sie herumstreifen zu sehen. Sie ist aus einem rumänischen Tierheim zu mir gekommen; ihre Eltern waren Straßenhunde. Und tatsächlich spürt man immer wieder ihren Stromergeist. Besonders in Rumänien und in der Türkei ist sie oft einfach losgezogen, hat Natur und Freiheit genossen und ist eine halbe Stunde später wieder aufgetaucht. Ihr das zu ermöglichen – ohne Einschränkungen durch Leine, deutsche Gesetze und kleingeistige Menschen – ist ein Hauptgrund für diese Reise. Ich war nicht sicher, wie es ihr auf der langen Strecke im Beiwagen gehen würde, aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Sie liebt den Wind im Gesicht, legt sich kaum hin, obwohl es reichlich Platz gibt. Und sie flirtet hemmungslos mit Leuten auf der Straße und in anderen Autos – das macht jeden Stau zum Vergnügen.
Weil sie den Wind so mag, habe ich auf eine Schutzscheibe verzichtet – von anderen Gespannreisenden mit Hund habe ich gehört, dass ihre Hunde ohnehin an den Scheiben vorbeischauen, wenn sie Wind mögen. Wird der Wind zu viel (für Polly meist ab 80 km/h), legen sie sich einfach hin.
Außerdem habe ich darauf verzichtet, Polly im Beiwagen zu »sichern«. Für mich wäre es eher ein Festketten. Motorradfahrer sind aus gutem Grund nicht an ihrer Maschine befestigt: Sie sollen sich bei einem Unfall so schnell wie möglich von ihrer Maschine entfernen können. Niemand will von einer schleudernden Maschine mitgezogen oder mit ihr von einem Auto zerquetscht werden – und ebenso wenig will ich das für Polly. Ich sitze auf ihrer Leine, das ist alles. Solange ich auf dem Motorrad bin, ist sie im Beiwagen; werde ich runtergeschleudert, kann sie sich in Sicherheit bringen. Natürlich hoffe ich von Herzen, dass es nie soweit kommt.
Mein Handy unterbricht meine Gedanken: eine WhatsApp von Erfan. Ob wir uns um 14 Uhr statt um 10 Uhr treffen können? Ein italienischer Biker möchte mit uns die Grenze überqueren. Klar, kein Problem! Ich muss am Übergang sowieso noch Geld wechseln; es ist schön, etwas mehr Zeit zu haben. Ich hole meinen Campingkocher und etwas Wasser (der Beiwagen hat unendlich viel Stauraum, sodass ich immer um die zehn Liter in Plastikflaschen für Madame und mich dabei habe) – und genieße in aller Ruhe eine Tasse Kaffee.
~~~
Eine Stunde später fahren wir um das Haus herum und zurück auf die Sandstraße. Ich winke einem Schäfer und seinem Sohn zu; sie winken zurück. Es ist ein Donnerstag im Mai – sind gerade Schulferien oder ist das das Leben des Jungen?
Ich lasse mir Zeit bis zur Grenze bei Kapiköy. Wir kommen an vereinzelten Häusern vorbei – schlicht, rechteckig, Hühner laufen frei davor herum. Die Bewohner arbeiten auf den Feldern nebenan. Wenn wir vorbeifahren, folgen uns ihre Blicke, und ich liebe es, durch ein Winken eine kurze Verbindung herzustellen. Ein alter Mann am Straßenrand schenkt uns ein breites, zahnloses Lächeln. Ein zauberhafter Anblick – bis er seine Sense hebt, um zurückzuwinken. Bitte, lass das kein Omen sein!
Am Horizont erhebt sich ein schneebedeckter Berg. Nein, eigentlich erhebt er sich nicht. Er ist einfach da, breit, hoch, stark. Er hat eine ruhige, beruhigende und – im besten Sinne des Wortes – majestätische Aura. Trotz der Entfernung macht er etwas mit mir: Er lässt mich innehalten und tief durchatmen. Ich fühle etwas, das größer ist. Die Worte klingen so kitschig, aber das Gefühl ist überwältigend. Als jemand, der nicht religiös ist, überrascht mich so etwas – aber ich bin froh, dass ich es spüre. Ein paar Tage später werde ich erfahren, dass mein schneebedeckter Berg der Ararat ist. Er ist nicht nur ein schlafender Vulkan, sondern von Mythen umrankt und für Gläubige heilig: Laut Bibel strandete Noah nach der Sintflut mit seiner Arche dort oben am Ararat.
Wir machen eine Pause. Zum einen, weil wir die Zeit dafür haben, zum anderen, weil ich zunehmend nervös werde. Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen und habe (deshalb?) ein Problem mit Grenzübergängen – und in den Iran einzureisen ist ohnehin etwas Besonderes. Wie werden die Menschen auf eine allein reisende Europäerin reagieren? Wie werden sie auf mich als motorradfahrende Frau reagieren – etwas, das in der Islamischen Republik undenkbar ist? Wie werden sie auf Polly reagieren, wo Hunde im Islam als unrein gelten und als Haustiere verboten sind? Und wie werde ich mit den Kleidungsvorschriften für Frauen zurechtkommen? Ich habe einen langen Rock und ein Kleid im Gepäck, außerdem zwei weite Blusen und zwei Tücher, von denen ich hoffe, dass sie als Hijabs funktionieren. Nicht viel, aber man nimmt ja keinen Koffer mit, wenn man auf dem Motorrad unterwegs ist.
Ich schaue zu Polly, sie ist eingeschlafen. Was für ein Geschenk, wenn die Reisebegleiterin so entspannt ist! In der trockenen Hitze Ostanatoliens dösen wir eine Weile vor uns hin.
~~~
Straßenschilder leiten mich nach Kapiköy-Razi, einem der drei offiziellen Grenzübergänge an der 530 Kilometer langen türkisch-iranischen Grenze. Die Fahrt dorthin ist lang und langweilig, Pollys Pausenflirt mit einem attraktiven Schäferhund ist eine willkommene Abwechslung.
Wie gut, dass wir diesen Moment genossen haben, denn der Grenzübergang ist alles andere als schön. Ich habe nichts Schickes erwartet – das hier ist jedoch apokalyptisch. Was eigentlich ein offizieller Ort sein soll (ist!), sieht aus wie eine Siedlung, die nach einem Bombenangriff verlassen wurde. Der Bereich vor dem Grenzgebäude ist mit Steinhaufen, Müll und ausgeweideten Autos übersät. Streunende Hunde, verfilzt und oft hinkend, suchen geduldig nach Futter.
Zwischen einigen provisorischen Hütten sehe ich Menschengruppen. Worauf warten sie? Darauf, in den Iran einreisen zu können? Wollen sie Bekannte oder Verwandte aus dem Iran in Empfang nehmen? Wollen sie Geld wechseln? Oh, stimmt, das muss ich auch noch erledigen! Ich schaue mich nach einem Geldautomaten um, dann nach einem Hinweis auf eine Wechselstube. Dann – meine Erwartungen herunterschraubend – nach einer Hütte, die vielleicht Strom für einen Geldautomaten hat. Dann nach jemandem, der Bargeld annimmt. Vergeblich. Ich glaube, ich muss meine europäischen Standards loslassen.
Polly liebt es hier – für sie muss es ein Garten Eden voller Gerüche sein, den es zu erkunden gilt. Sie streift umher, schnüffelt an allem und jedem und freundet sich mit den Straßenhunden an, denen dieser Ort gehört. Hin und wieder schaut sie, was ich so treibe; ich fühle mich geehrt.
Weniger geehrt fühle ich mich jedoch, als ich mich hinter einer Seitenmauer verstecke, um zu pinkeln: Zwei Typen mit Maschinengewehren blicken von einem Hügel herab und schicken mich zurück, bevor ich überhaupt anfangen kann. Na, danke; könntet ihr dann bitte Toiletten aufstellen?
Ich lege mir einen blauen Schal über die Haare. Ich habe ihn in der Türkei nur gelegentlich getragen – aber je weiter ich nach Osten reise, desto ländlicher wird die Gegend und desto natürlicher fühlt es sich an. In der Türkei hat mir nie jemand gesagt, ich müsse ihn tragen – im Gegenteil. Ein- oder zweimal haben mir sogar Männer gesagt, es sei nicht nötig.
Immer wieder rutscht mein Kopftuch herunter. Irgendwann gebe ich auf, halte es mit der Hand fest und warte. Ich habe Erfan noch nicht gefunden und halte weiter Ausschau nach dem italienischen Biker. Erfan schreibt mir eine SMS und bittet mich, ihm Bescheid zu geben, wenn der Typ eintrifft – und die Grenzformalitäten ohne ihn zu erledigen; er wird uns auf der iranischen Seite treffen. WAS??? Wir sollen diesen türkisch-iranischen Bürokratiedschungel auf eigene Faust durchqueren? Wofür bezahle ich ihn???
Mitten in meiner Verärgerung kommt Carlo auf seinem schweren Tourenmotorrad an. Gemeinsam atmen wir tief durch und stellen uns unserer Herausforderung. Ein Tor öffnet sich, und wir folgen einem anderen Auto in die Grenzanlage. Ich sollte alle Papiere für mich und die Maschine dabeihaben: Visum, Versicherung und Carnet de Passages (eine Art Pass für Fahrzeuge). Hoffentlich geht alles gut – Molly ist kein Standardmotorrad. Ein Bekannter mit eigener Werkstatt hat sich zu meinem Glück in Polly verliebt und ihr aus einer älteren BMW R1100RS, einem alten Ural-Beiwagen und einem neuen Rahmen das Gespann gebaut – mit besonderer Federung, Rückwärtsgang, Zusatztank und Sitzheizung (Letztere eher für mich). All das erfordert extra Papiere, hoffentlich werden sie akzeptiert. Was Madame angeht, bin ich mir nicht sicher. Sie hat alle Impfungen, die unserem Tierarzt eingefallen sind, aber ich konnte kaum Informationen darüber finden, wie man einen Hund in den Iran einführt. Polly zurück in die EU zu bringen, wird eine Herausforderung sein, aber damit werde ich mich beschäftigen, wenn es soweit ist.
Wie es Polly, Molly und mir im Iran ergeht – drei Monate zwischen Angst und Freiheit –, erzählt das ganze Buch.
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