Das Wichtigste zuerst: Wir alle haben unsere persönlichen Reisestile – keiner ist besser als andere. Wichtig ist, den eigenen Reisestil zu finden und ihn zu leben. Meiner ist das Alleinreisen (wenn es um Motorradtouren geht, sonst witzigerweise nicht).
Warum allein? Darum!
Einige Vorteile haben sich inzwischen herumgesprochen: Ich bin spontan, kann jede „Planung“ innerhalb von Sekunden in ihr Gegenteil kehren. Ich bin nie lange allein – wirklich nicht. Ich bestimme meine (Pinkel-)Pausen selbst, muss aber keine Rücksicht auf die anderer nehmen. Im Zelt herrscht meine (Un-)Ordnung. Da pfuscht mir niemand rein (Hund ausgenommen 😉). Und überhaupt: Nur weil ich allein bin, bin ich nicht einsam – not all who wander are lost (ist von Tolkien, nicht von mir).
Mehr oder weniger?
Ich glaube nicht, dass ich mehr erlebe, wenn ich allein auf Tour bin – ich glaube, dass ich anders erlebe. Zugegeben, ich will es „intensiver“ nennen, doch kann ich denen, die in Gesellschaft fahren, diese Intensität absprechen? Ich sehe intensiver, fühle intensiver, denke mehr, leide mehr, wenn ich allein unterwegs bin. Begleiter sind auch Puffer. Vielleicht freue ich mich weniger über das, was ich sehe und erlebe, weil ich es nicht teilen kann. Vielleicht auch nicht, bin eh eher eine stille Freuerin.
„Du bist so mutig!“
Nope. Zumindest nicht, was das Alleinreisen angeht. Mut gibt es nur mit Angst – wenn ich vor dem Alleinreisen keine Angst habe, brauche ich dazu keinen Mut. Ich müsste all meinen Mut aufbringen, um mit anderen auf Tour zu gehen: weil ich weiß, wieviel Spontaneität ich brauche, wie wenig Geduld ich mit anderen habe und wie wenig Wörter vor dem dritten Kaffee.
Und wenn dir was passiert??
Ja, allein zu reisen macht verletzlicher. Niemand will sich verletzen oder verletzt werden – es ist also unbedingt zu vermeiden. Das ist logisch, natürlich, aber nicht die ganze Wahrheit. Meine These: Je verletzlicher Reisende sind, umso mehr Offenheit, Gastfreundlichkeit und Hilfe erfahren sie. Deshalb erleben wir als Motorradfahrer ja so viel mehr als Autoreisende.
Zonenerweiterung
Mit jeder meiner Alleinreisen festigt sich die Gewissheit: Was auch immer mich erwartet – ob ich mit einer Beinverletzung unter Schmerzen in Missouri liege, mich in den dichten Wäldern der rumänischen Karpaten verirre oder im Iran wochenlang unter dem Radar der Polizei bewege – ich komme damit klar. Die Dinge mögen nicht immer so ausgehen, wie ich es gern hätte, aber ich habe es durch diese Situationen geschafft.
Ich liebe es, dass diese Gewissheit sich auf jeden Tag meines Lebens überträgt: Was auch immer kommt, ich kann damit umgehen, ich werde daraus lernen, ich werde daran wachsen. Und ich weiß auch: Ich bin eben nicht allein. Ja, ich bin allein gereist, aber wann immer ich allein eben doch nicht weiterkam, kam Hilfe – kamen Menschen. Ich weiß nicht, ob ich diese Gewissheiten ohne meine Solo-Touren hätte. Und vielleicht geht es einfach darum: dass unser Vertrauen seine Komfortzone in gleich zwei Richtungen ausweiten darf – in mich selbst und in die Welt.





